Eine „Winterreise“ in die Islamische Republik Mauretanien

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Das Glück ist mit den Unerschrockenen

Eine „Winterreise“ in die Islamische Republik Mauretanien

von Sabine Küster-Reeck

Mauretanien ist etwas für Entdecker/innen, die Unbequemlichkeiten nicht fürchten. Weitab vom Massentourismus führt die Reise in eine der abgelegensten Regionen der Erde. Vom tosenden Atlantik ins Innere eines riesigen Landes, 1. Mio. Quadratkilometer Wüste und viel spannende Geschichte.

„Mauretanien? Wo liegt das denn?“

„Willst Du unbedingt gekidnappt werden? Was um Himmels Willen hast Du denn als Frau in einer Islamischen Republik zu suchen?“ Soweit nur ein Auszug der Kommentare von Freunden und der Familie, als ich von meinen Reiseplänen über Weihnachten und Neujahr berichte. Nicht Bali, nicht die Kanaren. Nein! Das Ziel ist: Die Islamische Republik Mauretanien. Dort arbeitet mein Mann in einem Entwicklungsprojekt und wir wollen gemeinsam mit seinem mauretanischen Kollegen die Wüste bereisen, historische Stätten besuchen und natürlich die Schönheit der westlichen Sahara bestaunen. Was mich daran reizt ist sicherlich die relative Abgeschiedenheit des riesigen Landes und seine wenig bekannte Kultur und Geschichte. Ein „Winterurlaub“ also, sehr weit weg von den touristischen Highlights, noch dazu in eine Islamische Republik. Aber wie wusste schon Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“

Paris

Flughafen Charles de Gaulle am 19. Dezember. Eigentlich soll der Flieger pünktlich starten. Ich freue mich sehr auf die Reise, Flugangst hin- oder her. Es zeigt sich aber, dass ich mit meiner Angst bis zum Start wohl noch ein bisschen länger kämpfen muss, denn der Start der Maschine verschiebt sich immer weiter nach hinten. Das Warten zieht sich zwei lange Stunden hin, aber die Zeit wird mir verkürzt, denn es geht lebhaft zu an Bord! Die meisten der Reisenden kommen aus dem westafrikanischen Guinea und wollen nach Conakry, der Hauptstadt. Viele sind im „Weihnachtsurlaub“ und haben bereits mit ihren Kindern eine sehr lange Reise aus den USA hinter sich, wo die meisten von ihnen leben und arbeiten. Ich betrachte mit Freude die Kinder und die eleganten, üppigen und schönen Frauen, die in glänzende Gewänder gehüllt versuchen, mit mehr oder weniger Erfolg ihre von der langen Reise aufgekratzten Kinder zu beruhigen. Die Stimmung an Bord ist gut, man steht im Gang, plaudert miteinander und lacht. Dann knackt und rauscht es und die sonore Stimme des Piloten verkündet den baldigen Start!

Zwischenfall im Wüstenflughafen

Etwa sechs Stunden dauert der Flug und führt über die Straße von Gibraltar, entlang der westafrikanischen Küste. Wir landen am Spätnachmittag in der tristen Einöde nördlich von Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens. Die Zeitumstellung beträgt zur Winterzeit eine Stunde. Als ich den Flieger verlasse, werde ich von der Hitze fast erschlagen. Obendrein rennen nun alle Passagiere los, um rasch eine „Carte d‘Immigration“, das Einreiseformular zu ergattern. Nachdem dieses Formular ausgefüllt ist, muss man weiter in ein winziges, stickiges Kabuff, wo ein freundlicher Mann stolz mit seiner Digitalkamera ein Porträt-Foto schießt und dieses gemeinsam mit dem Visum in den Reisepass klebt. Nun sollten die Formalitäten eigentlich erledigt sein. Wäre mir nicht ein dummer Fehler in der Hektik unterlaufen! Ein bisschen naiv habe ich unter der Rubrik „Profession“ den Beruf „Journalist“ angegeben. Das kommt nicht gut an! Der erste Zollbeamte blickt irritiert, geht mit meinem Formular zu seinem Vorgesetzten, der mit einer Kalaschnikow auf dem Schoß, sehr finster drein schaut und mich weiterschickt in einen fensterlosen Raum, in dem ich vor Zigarettenqualm kaum noch etwas erkennen kann. Dieser wird verursacht von zwei uniformierten Männern, die nach maurischer Sitte lang ausgestreckt auf dem Fußboden liegen und rauchen, was das Zeug hält. Einer von ihnen winkt mich herrisch zu sich heran und verlangt eine Erklärung. Keine Frage, Angehörige der von mir angegebenen Berufsgattung sind hier offensichtlich nicht wohl gelitten, haben doch vor einiger Zeit Journalisten in Mauretanien aufgedeckt, dass hier durchaus noch die Sklaverei existiert. So stammle ich also mit treuherzigem Blick etwas davon, dass ich „Journalist“ nur als Hobby angegeben hätte, ich sei eigentlich „Femme de menage“ (Hausfrau) und wolle nur Freunde besuchen! En toute sincérité! Ganz ehrlich! Ein weiterer sehr strenger Blick in meine Richtung und nicht nur die äußere Hitze lässt mich gewaltig schwitzen! Dann aber wedelt er endlich hoheitsvoll und gönnerhaft mit seiner schlanken Hand, die immer noch die Zigarette hält. Zu meiner unendlichen Erleichterung zeigt die Geste in Richtung Ausgang- und nicht in die Arrestzelle! Ich kritzele also noch schnell die „Hausfrau“ ins Formular und mache dann, dass ich zum Ausgang eile! Während mir ein veritabler Granitbrocken vom Herzen fällt, mache ich mich auf in die Hitze der Wüste und auf den Weg in die Stadt Nouakchott.

Der Platz des Windes

Der Name der Hauptstadt Mauretaniens bedeutet: „Der Platz des Windes“ und kommt nicht von ungefähr. Die in den 1960ér Jahren nach Ende der französischen Kolonialzeit aus dem Boden gestampfte Wüstenstadt liegt direkt am Atlantischen Ozean. Am Ende der Kolonialzeit wurde die Stadt 1958 an Stelle eines Fischerdorfes errichtet, um eine Hauptstadt für das unabhängig werdende Land zu errichten. In den 1960ér Jahren lag die Zahl der Einwohner noch im vierstelligen Bereich. Durch Landflucht ist inzwischen die Einwohnerzahl auf geschätzte 1.116.000 gestiegen. So genau aber weiß das niemand. Amtssprache ist Arabisch, Französisch wird aber als Geschäftssprache weitestgehend akzeptiert und gesprochen.

Nouakchott ist - ganz ehrlich - keine architektonische Perle. Niedrige Bauten aus Lehm dominieren das Stadtbild. Selten hat ein Haus mehr als 2 Stockwerke. Durchbrochen wird das Bild in den „besseren“ Gegenden der Stadt durch eine höhere Stahl-und Glasarchitektur, die willkürlich wirkt. Für uns Europäer unvorstellbar: Es gibt kein Katasteramt! Jeder kann sich irgendwo ein Fundament errichten und sozusagen seinen „Claim“ abstecken. Nach dem Motto: „Hier stehe ich, hier will ich sein!“ . Und überall wird gebaut, sogar bis an den Rand der wunderschönen, roten Sanddünen am Rande der Stadt. Oft aber steht dann alles leer. Grün gibt es kaum. Dattelpalmen säumen einige Straßen, vielleicht noch die unverwüstlichen Akazien, die mit dem salzhaltigen und trockenen Boden zurecht kommen, da sie sehr lange Wurzeln haben. Gut gewässerte Bougainvillea fallen in üppiger, bunter Pracht über die Mauern der Villen, in denen die Gutbetuchten leben. Sie sind der einzige Farbklecks inmitten der alles dominierenden Ockerfarben und des Wüstenstaubes, der die Stadt oft in eine surreale Atmosphäre taucht.

Wie gut, dass vor dem Aufbruch in die Wüste genügend Zeit bleibt, sich an Hitze, Staub und Moskitos zu gewöhnen, und an den chaotischen Straßenverkehr in Nouakchott. Wir bewegen uns mit einem 25 Jahre alten Toyota-Geländewagen durch das hektische Gewusel. Einem röhrenden, hochbeinigen Ungetüm das unverwüstlich zu sein scheint. Kaum gelingt es mir mit meinen knappen 1.60 m, ohne Leiter in dieses Monster hineinzukommen.
Background with flag of Background with flag of Mauritania
Panorama of rocky pond on Adrar plateau, Mauritania
Chinguetti mosque is one of the symbols of Mauritania
Mauritania during sunset highlighted in red on planet Earth with clouds and visible country borders. 3D illustration. Elements of this image furnished by NASA.
Einmal aber drin, fühlt man sich sogleich wie in Abrahams Schoß! Sicher, bequem und erhaben sitzt man! Fahrzeuge in allen Stadien des Verfalles beherrschen den Straßenverkehr in Nouakchott! Die Mercedes-Dichte ist bemerkenswert - wenn denn rostige Wracks auf vier schlingernden Rädern noch dieser Marke zugeordnet werden können. Es fehlen Stoßdämpfer, Scheiben, Blinker sowieso. Scheinwerfer? Nicht nötig! Und wozu braucht man schon Blinker? Geht doch auch so! Man hält eben die Hand aus der nicht mehr vorhandenen Tür. Abgerissene Türen und Heckklappen machen das Vehikel zu einem Schrotthaufen, den der ordnungsliebende Europäer fassungslos betrachtet. Diese Autos werden vor allem vom guten Willen ihrer Besitzer, sowie einiger rostiger Schrauben zusammengehalten. Wir sind in Afrika, also drängeln sich bis zu zehn Menschen in diesen Transportmitteln. Wo kein Platz ist, wird eben Platz gemacht! Dies ist eine afrikanische Devise, aus dem tiefem Pragmatismus geboren, dass eben jeder noch ein Plätzchen im fahrbaren Untersatz ergattern kann, wenn er nur schnell genug ist. Jede Rostlaube ist immer noch besser, als bei 40 Grad im Schatten zu Fuß zu gehen.

Ein braver, deutscher TÜV-Meister würde sicherlich umgehend beim Anblick dieser Fahrzeuge eine Nervenkrise erleiden und seinen Job an den Nagel hängen. Denn hier gibt es nichts mehr zu prüfen! „La chance sourit aux audacieux“. Das Glück ist mit den Unerschrockenen, und das gilt erst recht für´s Autofahren in Mauretanien!

Kulturelles und Kulinarisches

TEXT AN DIESER STELLE GEKÜRZT, LIEGT KOMPLETT VOR!

Bereit für die Wüste

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Atar

Wir erreichen die lebhafte, kleine Stadt nach 500 km, durchgeschwitzt und müde. Unser Fahrer fragt sich durch zu unserem kleinen Hotel „Etoile du Nord.“ Es ist ein noch neues Gebäude und zur allgemeinen Verwunderung wird der geräumige Innenhof gerade gewienert und geschrubbt bis er glänzt. Dann werden reich bestickte Teppiche und Kissen ausgelegt. Man könnte meinen, der Präsident Mauretaniens habe sein Erscheinen angekündigt. Es ist dann aber „nur“ der französische Botschafter, der kurz nach uns mit seiner Entourage, zwei bewaffnete Bodyguards eingeschlossen; im Hotel erscheint. Offenbar reist er auf der gleichen Route wie wir.

Wir besichtigen unsere Zimmer. Die sind sehr klein, aber immerhin: Es gibt eine Dusche! Das ist der Luxus schlecht hin! Wäre nicht das schlechte Gewissen über die Wasserknappheit, man könnte Stunden unter dem kühlenden Nass verbringen! Wer Probleme mit Klaustrophobie hat, für den ist die maurisch, arabische Bauweise eher nicht geeignet. Die Zimmer sind klein und recht dunkel. Es gibt zwar ein Fensterchen. Gleich hinter diesem befindet sich direkt eine hohe Mauer, die man nicht überblicken kann. So soll die schlimmste Hitze des Tages ausgesperrt bleiben.

Später essen wir in einem etwas schmuddeligen kleine Lokal Nudeln und Huhn. Eine junge Frau tut ihr bestes, uns satt zu bekommen. Es gelingt ihr, während ihr kleiner Sohn munter um uns herumtollt und dabei mit seinem kleinen, quietschenden Dreirad öfters mal über unsere Füße rollt. Keiner nimmt´s übel. Bei unserer Rückkehr ins Hotel ist auch der Botschafter offenbar bereits schlafen gegangen. Seine muskulösen, wackeren Leibwächter sitzen auf der Dachterrasse des kleinen Hotels und wachen somit auch über unseren Schlaf.

Im Morgengrauen stehen wir auf, trinken schnell einen Kaffee und essen ein Croissant, bevor wir uns mit dem Schuldirektor Taleb und dem Schriftsteller Beyrouk treffen. Beide sind gute Freunde von Monsieur Emanetoullah. Man hat gemeinsam studiert und nun ist Monsieur Beyrouk sogar als Berater für den Präsidenten Mauretaniens tätig.

In Begleitung der Herren fahren wir nun hinaus aus Atar und gelangen zu beeindruckenden Ruinen. Sie sind die Überbleibsel einer Festung der Almoraviden, einer Kriegergemeinschaft, die sich als Sanhadscha bezeichneten und den Islam maßgeblich in Mauretanien etablierten. Dabei lerne ich neben historisch interessanten Fakten auch ein wahres Wunder aus der Pflanzenwelt kennen: Den Moringabaum, in Deutschland auch Meerrettichbaum genannt. Nicht nur, dass die Samen dieser Pflanze an die 20 Mal mehr Vitamin C als jede Citrusfrucht enthalten. Was den Baum definitiv zu etwas ganz Besonderem macht, ist die Fähigkeit, der zu Pulver zerriebenen Samen, verschmutztes Trinkwasser zu reinigen. Das Pulver bindet im Wasser enthaltene Schwebstoffe und Bakterien und sinkt mit ihnen zu Boden – zurück bleibt sauberes, trinkbares Wasser.

Herrlich kühles, trinkbares Wasser gibt es in der schattigen Oase von Terjit, wenige Kilometer entfernt. Dort gibt es ein Erholungsressort unter hohen Dattelpalmen. Es ist wie in einem Hollywood-Film! Wir lassen uns in einer schönen Khaima, dem typischen Nomadenzelt der Mauren zum Essen nieder. Es gibt: Cous-Cous mit Lamm. Meine geplagten Knie meutern etwas bei dem ungewohnten Sitzen in der Hocke oder im Schneidersitz, aber ich will nicht unhöflich erscheinen und unterdrücke den Schmerz. Nach dem Essen und dem Tee, unternehmen wir dann eine kleine Wanderung in die Oase hinein. Es ist ein Felsüberhang, der Schatten spendet und dessen Wände von Moosen und Flechten überzogen sind. Darunter fließt glasklares Wasser, das man auch trinken kann. Die Luft ist kühl und duftet angenehm nach Jasmin. Die zahlreichen, alten Dattelpalmen spenden uns Schatten. Es ist ein kleines Paradies! Aber alles paradiesische hat ein Ende. Da die Rückfahrt nach Atar lang sein wird und wir sehr früh am kommenden Morgen unsere Reise nach Chinguetti fortsetzten wollen, brechen wir auf.

Über die Berge nach Chinguetti

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L´Oceanide- Erholung am Atlantischen Ozean

Wir sind erschöpft von der langen und staubigen Rückfahrt, aber erfüllt von all den Erlebnissen in der Wüste. Wer hat schon noch die Gelegenheit,solch versteckte Winkel der Erde zu erkunden. Liebend gerne würde ich noch bleiben, um zum Beispiel in ein Naturschutzgebiet am Senegalfluss zu fahren. Jedoch nahen der Jahreswechsel- und somit meine baldige Abreise. Für Silvester beschließen wir die Nacht am Atlantik in einer Khaima, dem mauretanischen Nomandenzelt, zu verbringen. Das Zelt befindet sich direkt am Plage de Sultan, einem wie es scheint endlosen Sandstrand. Hier gibt es auch das L´Oceanide, ein zauberhaftes kleines Strand-Lokal, in dem es knackfrische Fischgerichte gibt. Das kalte Wasser des Atlantik ist sehr nährstoffreich, daher ist ist das Meer entlang der mauretanischen Küste auch sehr reich an Meerestieren. Nach dem Diner ziehen wir uns in unser Zelt zurück.

Geschlafen wird auf ausgerollten Teppichen auf dem Sand. Besser, man stellt sich gar nicht erst vor, was darunter alles so kreucht und fleucht. Zum Jahreswechsel dann, köpfen wir eine heimlich besorgte Flasche Wein. Die zahlreichen wilden Hunde, die um unser Zelt lagern und die unsere Aktivitäten interessiert beobachten, können ja zum Glück nichts ausplaudern. Sie lagern ganz dicht an unserem Zelt, als hätten sie beschlossen, uns in der Nacht zu bewachen.Geschlafen habe ich nicht viel in dieser Nacht, allein schon wegen der tosenden Brandung des Ozeans. Früh am nächsten Morgen gibt es ein Petit Dejeuner im L´Oceanide und mit einer langen Strandwanderung nehme ich Abschied von Mauretanien. Es war großartig. Ich komme wieder.

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Text: Sabine Küster-Reeck
Fotos: Bildagentur Zoonar (Homo Cosmicus, Rudi Ernst)
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