Die jüdischen Fest- und Feiertage

Der jüdische Kalender richtet sich, ähnlich wie der islamische, nach dem Mond, wird aber dem Sonnenjahr durch einen Schaltmonat regelmäßig angepasst. So fallen die jüdischen Fest- und Feiertage nach dem europäischen Kalender in jedem Jahr auf andere Tage, immer aber in die selbe Jahreszeit. Alle Feiertage sowie der wöchentliche Ruhetag Schabat (Samstag) beginnen jeweils am Vorabend mit Sonnenuntergang und enden mit dem Sonnenuntergang am Feiertag selbst.

Schabat:
Der höchste wöchentliche Feiertag ist der Schabat (Samstag). Es ist der siebte Tag der jüdischen Woche, an dem G"tt (das heilige Wort Gott darf nach jüdischer Tradition nicht ausgeschrieben werden, weil sich der Mensch kein Bildnis von G"tt machen darf) nach sechs Tagen Schöpfung eine Ruhepause eingelegt hat ("Am siebten Tage sollst Du ruhen"). Fromme Juden dürfen am Samstag nicht arbeiten. Kochen und Feuermachen bedeuteten in biblischer Zeit Arbeit. Deshalb dürfen die Gläubigen am Schabat und an den religiösen Feiertagen weder kochen noch das Licht anschalten, keine elektrischen Geräte benutzen und auch kein Auto fahren. Auch die Fortbewegung mit Bussen, Bahnen, Schiffen oder Flugzeugen ist verboten. Wer am Schabat oder an einem hohen Feiertag in Israel durch ein religiöses Viertel fährt, muss mit Beschimpfungen rechnen. Mitunter werfen streng Gläubige auch Steine auf vorbeifahrende Autos. Linienbusse fahren nur in wenigen, nicht religiösen Orten und Stadtvierteln. Auch die Benutzung von Aufzügen verletzt die Schabat- und Feiertagsruhe. In israelischen Hotels fahren an diesen Tagen deshalb so genannte Schabat-Lifte, die automatisch auf jedem Stockwerk halten. Mitfahren ist den Frommen erlaubt, nicht jedoch das Drücken der Knöpfe, die etwas in Gang setzen.

Nach alter Tradition wird in jüdischen Haushalten am Freitag für den Schabat vorgekocht. So entstanden vor allem in den jüdischen Stetln Osteuropas zahlreiche Spezialitäten, die über viele Stunden warm gehalten werden. Am bekanntesten ist der Tschulent, eine Art Auflauf. Andere typische Feiertagsgerichte werden kalt gegessen.

Religiöse Feiertage:

Das jüdische Jahr beginnt mit Rosch ha Schanah (Kopf des Jahres) am 1. und 2. Tischri (Mitte bis Ende September). Gedacht wird an diesem Tag der Erschaffung der Welt. Gelehrte haben aus biblischen Lebensläufen und -geschichten errechnet, dass G"tt die Welt im Jahr 3761 v. Chr. erschaffen hat. Nach dem jüdischen Kalender beginnt demnach im September 2010 das Jahr 5771. Neujahr ist hier ein eher stilles Fest, an dem die Gläubigen beten. Morgens wird das Widderhorn (Schofar) geblasen, ein Mahn- und Weckruf des Gewissens.
Nach den darauf folgenden zehn "Hohen Tagen" der Besinnung, inneren Einkehr und Läuterung feiern die Gläubigen Juden ihren höchsten stillen Feiertag  Yom Kippur (10. Tischri) den Tag der Versöhnung mit G"tt und den Mitmenschen. Die Gottgefälligen erlangen durch Buße, Reue und Umkehr die göttliche Verzeihung für ihre Missetaten. 

Aus dem vorbiblischen Erntedank ist das Laubhüttenfest Sukkot (15.-23. Tischri) entstanden. Im alten Israel brachten die Bauern zu Sukkot Früchte ihrer Ernte zum Tempel nach Jerusalem, um G"tt für die Erträge zu danken. Symbolisch gilt Sukkot auch als Fest der Freude über das im Leben Erreichte. Nicht minder symbolisch sind die Laubhütten (Sukka), die die frommen Juden zu Sukkot bauen, um darin die Festwoche zu verbringen. "Wir sollen nicht denken, dass die festen Häuser, die wir uns im Laufe unseres Lebens gebaut haben, für uns eine Burg sind... . Wir dürfen nie vergessen, dass es nur Einen gibt, der uns wahrhaft schützen kann...", erklärt Dr. Michael Rosenkranz auf der jüdischen Internetseite www.talmud.de. Das Fest erinnert auch an die lange Wanderschaft der Israeliten nach ihrer Flucht aus Ägypten und generell an die Unbeständigkeit des irdischen Lebens.
Unter http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/sukkot/suka.htm findet sich eine Anleitung zum Bau einer Laubhütte.

Zum Abschluss des Laubhüttenfestes holen die Gläubigen am 23. Tischri an Simchat Torah (Fest der Torah-Freude, Mitte Oktober) die heiligen Torah-Rollen aus dem Schrank und tragen sie (oft freudig tanzend) in einer Prozession sieben Mal durch die Synagoge. Die Kinder bekommen Süßigkeiten geschenkt. Gefeiert wird, dass G"tt den Juden die heiligen Bücher gegeben hat. Im Gottesdienst lesen zwei Gemeindemitglieder Schluss und Anfang des Pentateuch vor. Der jährliche Zyklus der Torah-Lesungen beginnt von neuem.

Mit dem Lichter- und Weihefest Channukka (25. Kislew - 2. Tevet, Mitte-Ende Dezember) erinnern die Juden an die Wiedereinweihung ihres zweiten Tempels im Jahr 164 v. Chr. (3597 jüd. Zeitrechnung). Die Makkabäer hatten die griechisch-syrische Besatzer aus Judäa vertrieben.  Nach einer Legende reichte das Öl für das ewige Licht des siebenarmigen Leuchters (Menorah), der nie erlöschen durfte, nur noch für einen Tag. Für die Herstellung neuen geweihten Öls brauchten die Tempeldiener jedoch acht Tage. Nun geschah ein Wunder: Das Licht brannte mit einem Ölvorrat, der normalerweise nur für 24 Stunden reichte, volle acht Tage.  Daran erinnern die acht Arme des Channukah-Leuchters. Jeden Tag des Festes zünden die Gläubigen im Gedenken an das Tempelwunder ein Licht an, bis am achten Festtag alle Lichter brennen. Channukah ist ein Freuden- und Familienfest. Familien versammeln sich um den Leuchter und singen nach dem Anzünden der Kerzen. Die Kinder bekommen Geschenke und spielen mit den traditionellen Channukah-Kreiseln (Treidel).

Am 10. Tag des Monats Tewet (Ende Dez. / Anfang Jan.) fasten die Gläubigen zum Gedenken an den Beginn der babylonischen Belagerung Jerusalems.
Frauen in traditioneller Kleidung bereiten das Festmahl fuer das Opferfest in Sidi Mtir, Tunesien / women in traditional clothing preparing the meal for Eid al-Adha/  Foto: Robert B. Fishman, ecomedia, 6.11.2011
Die jüdische Gemeinde Bielefeld feiert in ihrer Synagoge das Fest der Torahfreude Simchat Torah: Kantor, Gemeindevorstandsmitglied und Vorbeter Paul Yuval Adam
Sie sprechen das Totengebet (Kaddisch) für Verstorbene, deren Todestag und Grabstätten sie nicht kennen, vor allem für die Opfer der Shoa (Holocaust). 

Ähnlich dem christlichen Karneval feiern die Juden am 14./15. Adar (März) Purim. Mit dem "Losfest" erinnern die Gläubigen an die Rettung der persischen Juden. Haman, der höchste Beamte des persischen Königs wollte alle Juden im Lande töten lassen, weil sich Esthers jüdischer Cousin Mordechai geweigert hatte, vor ihm niederzuknien. Nachdem sich Esther beim König für die Juden eingesetzt hatte, entmachtete der König den Bösewicht und rettete so die persischen Juden. Im Gedenken daran lesen die Gläubigen zu Purim aus dem Buch Esther. Wenn das Wort Haman gelesen wird, machen vor allem die Kinder Lärm mit Rasseln, um den Namen des Bösen zu übertönen. Viele kommen verkleidet zum Gottesdienst. 

Am Neujahrsfest der Bäume Tu Bischwat am 15. Schevat (Ende Jan./Anfang Febr.) mussten die Bauern im alten Israel den Zehnten ihrer Ernte an die Grundherren abgeben. Mit dem Ende der Regenzeit begann in der Natur eine neue Wachstumsperiode.

Etwa zeitgleich mit dem christlichen Osterfest (1. Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling) erinnern die Juden zu Pessach (übersetzt etwa "überschreiten" oder "verschonen") vom 14.-22. Nissan an den Auszug ihres Volkes aus Ägypten.  Der Name des Festes, den man im Wort für Ostern in den meisten europäischen Sprachen wiederfindet (französisch pâques, russisch paskha...) bezieht sich auf einen der Höhepunkte der biblischen Exodus-Überlieferungen. Nachdem der Todesengel die männlichen Erstgeborenen aller ägyptischen Familien getötet hatte und dabei nur die Hebräer verschonte, entließ der Pharao das jüdische Volk aus Gefangenschaft und Sklaverei. Im Buch Exodus der Bibel finden sich genaue Anweisungen für das Pessach-Fest: Die Gläubigen müssen ungesäuertes, hefefreies Brot essen. Sie räumen vor dem Fest alles aus dem Haus, was Sauerteig enthält oder mit Gesäuertem in Berührung gekommen ist. Deshalb putzen religiöse Familien ihre Häuser und Wohnungen vor Pessach gründlich. In den israelischen Supermärkten und Läden wird alles mit Plastikfolie zugedeckt, was den strengen Speisevorschriften des Festes nicht entspricht. Damit wird an den überstürzten Aufbruch der Israeliten aus Ägypten erinnert. Sie hatten keine Zeit mehr, den Teig für ihre Brote gären zu lassen. Stattdessen gab es nur aus Mehl und Wasser hergestellte trockene Mazze (eine Art Knäckebrot, übersetzt "Brot des Elends").
Die gläubigen Familien und Gemeinden eröffnen das Pessachfest am Seder-Abend, dem Vorabend des Festes (Erev Pessach) mit der Lesung der Haggadah, der Geschichte vom Auszug der Juden aus Ägypten. Dazu gibt es die traditionellen Pessach-Gerichte: Mazze, Eier, Petersilie und Wein.

Am 18. Ijar (Mai) erinnern die Juden an den Todestag des Rabbiners Schimon Bar Jochai (Raschbi) und an den gescheiterten Bar Kochba Aufstand gegen die römische Besatzung im Jahr 135 n. Chr. Einer talmudischen Legende zufolge musste sich Schimon Bar Jochaj zwölf  Jahre in einer Höhle verstecken, wo er sich ausschließlich dem Torah-Studium widmete. Heute zünden die Israelis zu Lag Ba Omer als Symbol für das Licht der Torah Lagerfeuer an. Die Feuer erinnern auch an die Signalfeuer der Bar-Kochba-Aufständischen, die für die Freiheit Israels kämpften.

Sieben Wochen nach Pessach feiern die Juden mit dem Wochenfest Schavuot am 6. Siwan Gottes Übergabe der zehn Gebote an Moses auf dem Berg Sinai. Im Gottesdienst werden deshalb in der eigens geschmückten Synagoge die zehn Gebote und das Buch Rut gelesen. Dazu essen die Gläubigen Honig und trinken Milch, weil das Volk Israel die heiligen Worte der Torah wie ein "unschuldiges Kind begierig getrunken" habe. Nach christlicher Überlieferung haben die Jünger Jesu am Tag des jüdischen Schavuot-Festes den Heiligen Geist empfangen. Daran erinnert das Pfingstfest.

Neben den religiösen gibt es in Israel weltliche Feiertage:
Am 27. Nisan (April), dem Yom Ha Shoa, gedenkt das jüdische Israel der etwa sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust (Shoa). Um zwölf Uhr mittags heulen im ganzen Land die Sirenen. Fast alle Menschen bleiben zu einer Schweigeminute stehen. Autos, Busse und Züge stoppen. 

Am 4. Ijar (April/Mai), dem Yom Ha Sikaron erinnern sich die jüdischen Israelis der Opfer ihrer Kriege.

Ein Freudentag ist der 5. Ijar, der israelische Unabhängigkeitstag Yom Haz Ma'ut. Am Abend des 14. Mai 1948 rief David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus. Zuvor hatten die Vereinten Nationen die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat beschlossen. Tags darauf überfielen die Armeen der Nachbarländer den frisch gegründeten Staat. Trotz der militärischen Übermacht der Gegner gewann Israel den Krieg und dehnte sein Gebiet auf die heute als Waffenstillstandsgrenzen von 1949 bekannten Linien aus. Viele Palästinenser sind geflohen oder wurden von der israelischen Armee vertrieben. Ihnen gilt der israelische Unabhängigkeitstag seitdem als Tag der Nakhba (Katastrophe)

Quellen und weitere Infos:
Zentralrat der Juden in Deutschland: http://www.zentralratdjuden.de/de/topic/75.html
Internetmagazine und Portale zu jüdischen Themen
http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/
www.talmud.de


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