Inseln am wollenen Faden

Stornoway: Schafe, Kanadier und Harris Tweed
Stornoway, Insel Lewis. Der Wind kommt direkt aus Grönland, das Wasser aus der Karibik, ihr Gemeinschaftssinn aus langen Jahren der Not und ihr Lebensgefühl aus einer anderen Zeit. Auf den Hebriden-Inseln Harris und Lewis am Nordwest-Rand Europas leben auf 2900 Quadratkilometern gut 20.000 Menschen und viele Tausend Schafe. Von hier stammen viele US-Amerikaner, Kanadier, Mönche und der Harris Tweed, so etwas wie der Champagner unter den Wollstoffen.


Sie spazieren über Wiesen an türkisblau leuchtenden Meeresbuchten, sie trotzen dem Sturm, der über die kahlen erdigbraunen Hügel fegt, knabbern die spärlichen Grashalme im Moor -  schwarz-weiße Wollknäuel hinter jeder Kurve, am Straßenrand oder mitten auf der Fahrbahn. Autofahrer warten, bis die Schafe langsam zur Seite trotten. Schließlich liefern sie den Menschen auf Harris und Lewis ihren wichtigsten Rohstoff: Wolle.

In der Harris Tweed Mill wird die Wolle in braukesselgroßen Bottichen gewaschen, gefärbt, dann gesponnen und gewoben. "Keine Spur von Wirtschaftskrise" freut sich Kelly Jenkins, die die Produkte der Harris Tweed Mill vermarktet. "Das ist wie Champagner kaufen", schwärmt sie vom Luxus ihrer komplett in Handarbeit hergestellten edlen Wollstoffe.
 
In Glasgow, auf dem schottischen Festland, hat die junge, fröhliche Frau angewandte Biowissenschaften studiert. Dann bereiste sie ganz Europa. Jetzt ist die 33jährige wieder da. Ihren Job liebt sie, ihre Insel auch. "Für ihre Kinder", sagt sie, "ist hier der sicherste Ort der Welt". Das sah schließlich auch ihr Mann aus England ein und folgte ihr nach Lewis. 

Die Hauptstadt Stornoway zählt rund 7000 Einwohner, ein paar Kirchen, einige Läden, eine Bibliothek, ein ultra-modernes Kulturzentrum, ein Fähr- und ein Fischerhafen, ein Mini-Airport und viele Pubs. 

In einem davon singt William Campbell die alten Liedern von Neil Young und anderen Rockgrößen. Der junge Berufsmusiker, ein ruhiger, nachdenklicher End-Zwanziger, wollte als Jugendlicher "so schnell wie möglich raus aus der Enge" seiner kleinen Insel. Nach ein paar Jahren in Glasgow, wo er in einer Profi-Band spielte, fehlte ihm die Weite der Landschaft auf Lewis, das Meer, der Gemeinschaftsgeist der Inselbewohner, "ihre Anteilnahme am Leben anderer." Mit seinem ungewöhnlichen Beruf als Rock-Sänger und Gitarrist, der nachts in den Kneipen spielt, fühlt er sich akzeptiert. 

Aussuchen kann man sich seinen Job auf Lewis und Harris ohnehin nicht. Die Wollproduktion für Harris Tweed, kleine Landwirtschaften, Torfabbau und Fischerei einst der wichtigste Erwerb auf der Insel, bieten den jungen Leuten kaum berufliche Perspektiven. 

Am Samstag Abend kommen junge Leute vom Land zum Feiern in die Inselhauptstadt Stornoway. Jungs fahren hupend ihre Runden durch die kleine Stadt, viele Mädchen stöckeln in Miniröcken und kurzen Tops in möglichst quietschigen Farben,oft grell geschminkt, durch die kühle Nacht. Saturday Night Fever. Feiern heißt für viele vor allem trinken, viel und schnell, um in Stimmung zu kommen. Binge Drinking, so was wie Kampfsaufen, nennen die Briten die im ganzen Land verbreiteten Besäufnisse. Ab 10, 11 Uhr ist in den Pubs kaum noch jemand nüchtern, manche nicht mehr ansprechbar. Viele der sonst eher zurückhaltenden Inselbewohner werden locker und anhänglich, hier und da gibt es Küsschen sogar für Fremde.

Die wenigen Urlauber schätzen die ruhige, entspannte Freundlichkeit der Menschen auf Lewis und Harris weit draußen im stürmischen Atlantik. 
"Wenn Dir das Wetter hier nicht gefällt", sagen die Inselbewohner, "dann wechsle die Straßenseite. Dort ist es anders." 

Die Farben der Inseln, das Türkis, Blaugrau, die Grüntöne des Atlantiks und der immerfeuchten Wiesen, das dunkle, schwere Grau der Felsen, das Grün der, das leuchtende Blau des Himmels, das erdige Braun des Moores und der Bruchsteinhäuser auf Lewis finden sich wieder in den Stoffen und Mustern des Harris Tweed aus der Wolle der Inselschafe. Traditionell entstehen daraus karierte Jacken, Schals, Mützen, Pullover oder Polsterstoffe. Inzwischen erfinden immer mehr junge Designerinnen und Designer neue Tweed-Produkte. 14 von ihnen haben sich zu einer Vermarktungskooperative zusammengeschlossen. In einem ehemaligen Blumenladen in Stornoway verkaufen sie ihre Taschen, Jacken, lustigen Stofftiere und sogar künstliche Blumen aus Harris Tweed.

Mit-Gründerin Rhoda Macdonald, die aus dem Wollstoff bunte Umhängetaschen näht, ist auf der Insel aufgewachsen und weit in der Welt herumgekommen.
Fischerboote im Fischereihafen von Stornoway
Haus aus der Eisenzeit auf der Insel Brae
Harris Tweed Mill: geschütztes Siegel für Original Harris Tweed-Wollstoffe
Harris Tweed Mill: bunt gefärbte Wolle liegt in einem Regal zur Weiterverarbeitung bereit
Auf ihren Reisen hat sie "unbewusst immer die Orte an den äußersten Rändern der Länder und Kontinente" angesteuert. Irgendwann wunderte sich die zierliche junge Frau mit den großen blaugrauen Augen selbst, warum sie "so viel Zeit darauf verwendet hat, nicht hier zu sein." Dann ist siezurück gekommen und jetzt "die meiste Zeit glücklich". Nur manchmal beneidet sie ihre Schwester, die in der schottischen Hauptstadt Edinburgh lebt. Dort könne man am Sonntag in den Cafés sitzen, die Sonntagszeitung lesen und einkaufen gehen. 

In Stornoway ist es am Sonntag still. Anders als im restlichen Britannien sind die Läden geschlossen. Auf dem kleinen Platz am Brunnen sitzt eine Gruppe Kinder mit ihren beiden jungen Betreuerinnen. Bibelstunde unter freiem Himmel. Die Älteren sind in der Kirche. In der Free Church of Scotland, einer calvinistischen Abspaltung der protestantischen schottischen Landeskirche, gelten strenge Regeln. Ihre Beträume sind kahl, kein Altar, kein Kreuz, keine Orgel, nur Bänke und ein Podest, auf dem ein mehrere Kilo schweres, schwarzes Buch liegt: Die Bibel in gälischer Sprache. Aus ihr liest Pastor Donald Mac Donald im Gottesdienst. Er singt Psalmen vor, die Gemeinde nachsingt. Manche Wissenschaftler vermuten, dass die Gospel-Songs der Schwarzen in den USA hier ihre Wurzeln haben. Es waren vor allem schottische Einwanderer, die die Sklaven im Süden der USA das Christentum bekehrten.

Vor allem der Sonntag, der "Sabbath", ist den Gläubigen der Free Church of Scotland heilig. "Wir beten und studieren die heilige Schrift", sagt Pastor Macdonald. Manche gehen sonntags drei Mal am Tag zur Kirche, andere besuchen Verwandte oder Patienten im Krankenhaus. 

Bis heute fahren am Sonntag auf Lewis und Harris keine Fähren. Den stillen Sonntag genießen auch die Inselbewohner, die ansonsten wenig von ihrer gestrengen Kirche halten. Familie, Freunde, Ausspannen und den inneren Tank für die neue Woche füllen, nennen sie ihre Sonntagsfreuden, lange Spaziergänge am Strand oder einfach mal vor dem Fernseher abhängen. 

Auch Weber Callum Mac Leod lässt seinen Webstuhl am Sonntag ruhen. Komme, was da wolle. "Ich will ja keinen Ärger mit den Nachbarn" sagt er lachend. Meist hat er auch so Zeit genug für die Aufträge der Mühle, die ihm das Garn auf großen Rollen per LKW direkt an den Webstuhl liefert. Dann fädelt er das Garn ein, setzt sich auf seinen Fahrradsitz in der kleinen Garage mit Blick auf die Bucht von Stornoway und strampelt los. 

Wie bei einem Fahrrad treibt eine Kette mit Pedalantrieb das Schiffchen des Webstuhls an. Natürlich könnte man den Webstuhl auch mit einem Elektromotor antreiben. Aber dann wäre das Ergebnis kein Harris Tweed mehr. "Wenn ein Weber dabei erwischt wird, dass er irgendeine Art von Motor an seinem Webstuhl einsetzt, darf er nie mehr für uns weben.", bestätigt Kelly Jenkins von der Harris Tweed Mill mit sehr ernstem Blick. "Das Siegel der Harris Tweed Authority garantiert, dass der Weber den Stoff in Heimarbeit von Hand webt." Anhand der Nummer des Zertifikats kann Jenkins jedes Harris Tweed Produkt bis zum Weber und bis in ihre Spinnerei zurückverfolgen. Sämtliche Muster und Entwürfe sind in der Harris Tweed Mill archiviert. So können Kunden noch nach Jahren jeden Stoff genau so nachbestellen, wie sie ihn einst bekommen haben.

Callum Macleod hat, wie die meisten Weber, das Handwerk von seinem Großvater gelernt. Seit mehr als 50 Jahren sitzt er fast jeden Tag am Webstuhl. 300 Yards, 275 Meter Harris Tweed webt er in einer Woche, das macht elf Kilometer in einem Jahr mit 40 Arbeitswochen. Jetzt muss er rechnen. "Also 250 Meilen in 50 Jahren". Callum Macleod lacht aus vollem Herzen aus seinem runden Gesicht und staunt, "250 Meilen". Mehr als 400 Kilometer Harris Tweed in einem langen Arbeitsleben und immer noch nicht genug? "Nein", sagt er, "ich mache weiter, solange ich gesund genug bin. Ich bin hier mein eigener Boss und niemand stresst mich. Das mag ich." 



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